Eine Papermint Geschichte.
Ich bin Barbara „Babsi“ Lippe und bin Art-Direktorin einer virtuellen Welt namens Papermint.
Eigentlich ist das ja ein Liebesbrief. Einer an uns selbst: an das unglaubliche Team, das Papermint erschaffen hat. Und an Papermint, das aus uns gemacht hat, was wir sind. Freunde. Freunde, die zusammen halten, komme, was wolle.
Dies ist eine Geschichte, die sich schreibt, wenn man selbst der Autor ist, – der Ghostwriter jedoch das echte Leben. Und darum, weil sie wahr ist, ist diese Geschichte auch kitschig.
Es ist eine Geschichte darüber, wie es ist, einen Multimillionen schweren Lottoschein in Händen zu halten. Und ihn nicht einzulösen für die Freundschaft, Unabhängigkeit und den Glauben an das, was wir erschaffen haben. Es ist eine Geschichte über Verlust und Hoffnung. Besonders über Hoffnung, denn die Hoffnung stirbt zuletzt.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf – und in Hütteldorf.
Was mache ich hier eigentlich noch?
Eigentlich sollte ich schon top gestylt in Shibuya herumschwirren, und als TV-Musik-Show Produzentin attraktive, japanische Celebrities zu beehren. Schon damals, vor acht Jahren, als ich in Tokio als Designerin tätig war, habe ich mir eine absolut unumstößliche Japanophilie herangezüchtet, – o, Tokyo – mon amour!
Und ja! Endlich! Ich hatte die Arbeitspapiere für meinen glamourösen neuen Job in dem Land, von dem ich mir die Erfüllung wirklich aller Wünsche erhoffte, bereits in Händen…
Aber…
stattdessen sitze ich nun hier. An einem Bürotisch, vor einem Computer, irgendwo in den äußersten „Nirgendwos“ von Wien – einer Stadt, die weder als Zentrum schillernder Popkultur, noch fruchtbarer IT-Inkubationsräume bekannt ist.
Ich sitze hier in diesem alten Kino …, gastronomisch versorgt nur von einem Supermarkt, der Kantine einer geriatrischen Anstalt und einer Sargfabrik.
Mein Rückgrat setzt auf den bionischen Trend und schwört auf die Tastatur-effiziente Verkrümmung „à la banane“, meine sonst sehr stummen Augen schreien nach Brillenverglasung und die Maushand spricht zu mir in eloquentem Krampfmonolog … und die Sehnen scheiden sich …
Aber wissen Sie was? Ich bereue nichts.
Denn, was ich hier fand, an diesem abgeschiedenen Ort, ist ein Schatz voller aufregender, unvergleichlicher Momente, – vielleicht den aufregendsten meines bisherigen Lebens.
Hütteldorf kann es mit Shibuya aufnehmen an Nervenkitzel und an emotionalen Höhenflügen.
Es kann, wenn man an seine Freunde glaubt, an sich selbst, und wenn man 3 Jahre seines Lebens für etwas widmet, das man einfach machen muss, weil man es will. Dass in uns die Fähigkeit steckt, etwas so Großartiges und Einzigartiges wie Papermint zu erschaffen, – tja, da waren wir wohl selber überrascht.
Der Trick ist wahrscheinlich, dass es einem egal ist, ob etwas erfolgreich wird.
Und sich nur um die zwei Dinge kümmert, die in einem schreien: die Phantasie und die Lust.
Wir haben eine virtuelle Welt gebaut.
Wir sind Avaloop, die Schöpfer von Papermint …, und wenn man ganz genau hinschaut, kann man wohl unsere stolzgeschwelgte Brust sehen.
Bald jedoch wird es unser Team in dieser Form nicht mehr geben. Damit es Papermint geben kann.
Papermint steckt gerade im Geburtskanal. Alles wird verdammt knapp.
Hebammen und Ärzte gibt es keine. Da müssen wir alleine durch.
Papermint ist eine Online-Welt, in die man völlig kostenlos einsteigen kann. Man kann in einer dreidimensionalen Umgebung navigieren, aber in Papermint ist alles aus Papier gebaut. Darum ist es auch egal, welche Körbchengröße man hat, denn in Papermint ist jeder flach. Neben der Entscheidung, sich gegen jeden Trend von Hyperrealismus zu richten und es statt dessen doch lieber mit bewusster Stilisierung zu versuchen, bietet Papermint ziemlich einzigartige Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten, sich selbst auszudrücken und gemeinsam mit anderen zu wachsen.
Aber wenn es sich das Schicksal in allerletzter Sekunde nicht doch noch anders überlegt hätte, dann wüsste man das natürlich alles.
Denn dann würden schreiend blinkende Banner, Ads, Clips, Pop-Ups, Apps, Widgets und Klingeltöne der ganzen Welt diktieren: Spielt Papermint!
Wie Papermint gezeugt worden ist.
Zuerst war Lev.
Wir kennen uns seit 12 Jahren.
Früher hat er Kinofilme gemacht. Und er war fasziniert von MUDs und MOOs und MMOs. Man darf nicht verschweigen, dass er auf Partys aus dem Stehgreif Spiele erfand und die Partygäste nicht nur dazu brachte mitzuspielen, sondern sogar dazu, sich ehrlich zu amüsieren.
Und dann kam Claudia.
Sie wurde mir auf Fotos, auf denen sie ziemlich ernsthaft aussah, von Lev als „die Lösung“ für seinen neuen Plan (ein Spiel für Nichtspieler) vorgestellt.
Wir waren gerade in einem Mietwagen durch Kalifornien und Nevada unterwegs, um in Casino-Bars und in Parkgaragen zu tanzen – so zum Spaß –, als er mir von diesem Plan erzählte, der schon lange in ihm steckte, aber nun immer konkretere Formen annahm, – eine dieser „Formen“ war Claudia. Sie war diejenige, die alles programmieren sollte.
Ich dachte mir damals nicht, dass Claudia zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben werden sollte …, ein Mensch mit einem unvergleichlichen Sinn für Humor, einer unendlichen Wärme und einem unschlagbarem Durchhaltevermögen.
Was ich mir damals auch nicht dachte, war, wie dringend wir diese Eigenschaften während der Produktion von Papermint benötigen würden.
Lev fragte mich, ob ich ein paar Graphiken für den Prototypen beisteuern wollen würde. Wir waren Freunde, natürlich sagte ich ja.
Eigentlich wussten wir nicht wirklich genau wie, aber wir gründeten eine Firma. Wir konnten das tun, weil unsere Truppe aus Träumern einen Martin fand. Martin war ein Mann, der fest mit beiden Beinen am Boden der Realität stand, – und deshalb glaubte dieser Mann an Papermint.
Die Firma bekam den Namen Avaloop und das Team wurde in ein altes (Lichtspiel-)Theater von 1907 gesetzt, das Lev eigenhändig renoviert hatte.
Jeder der zu unserem Team stieß, war – oder wurde – ein Freund. Wir waren ein unvergleichlicher Haufen – mit einem unvergleichlichen Willen. Und von jedem aus unserem Team steckt ein Stückchen in Papermint.
Lev hatte einen Plan. Papermint sollte etwas werden, das in dieser Form noch niemand je versucht hatte. Es mag nach einem verrückten Plan klingen, aber wenn Lev von der „charismatischen Visualisierung einer Seele“ oder einer „Welt, die einfach von seinen Bewohnern recycelt werden kann, um wieder verwendet zu werden“, dem „mächtigen goldenen Bikini“ oder von „Spielern, die einfach Sex haben sollen, damit es gefälligst mehr Spieler werden“ sprach, dann klang das alles auch irgendwie brillant.
Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mein Bestes zu geben, um Levs Visionen Farbe und Form zu verleihen.
Aber was wir niemals erwartet hätten – ein völlig unabhängiges Team, das 3 Köpfe in seiner kleinsten und 17 in seiner größten Ausdehnung zählte, ein Team, das noch nie zuvor eine virtuelle Welt gebaut hatte und sich in einem Web-2.0-Nirgendwo verbarg, – nie hätten wir ernsthaft erwartet, dass wir etwas so Unglaubliches entwickeln würden, dass es irgendwie auf den weltumspannenden Radarschirmen der ganz Großen erscheinen würde.
Auf einmal waren wir überall. Wir wurden eingeladen, Papermint auf kleinen Game-Festivals, großen Spiele-Events, LAN-Partys, akademischen Kongressen, Modeschauen, Vernissagen, Presse-Konferenzen vorzustellen … und in den kühlen Besprechungsräumen riesiger Firmen in gläsernen Wolkenkratzern irgendwo auf der anderen Seite des Ozeans.
Drei Monate, nachdem wir den Prototypen von Papermint in einer einmonatigen Ausstellung zu virtuellen Welten im Museumsquartier inmitten der kunstbeflissenen Wiener Innenstadt präsentiert hatten und einige staatliche Förderungen abgesahnt hatten, stellten wir Papermint bei Europas größter Konferenz für Spielentwickler, der Nordic Game in Schweden vor. Das war im Mai 2007. Wir kamen nicht wirklich vorbereitet. Wir genossen das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und mit unseren Perücken Aufsehen zu erregen.
Unser Vortrag trug den Titel „The Future of the Social Networking Game“. Unsere Präsentation war am frühen Morgen anberaumt und der Saal war gerammelt voll. Die Aufpasser versperrten den Zugang für weitere Konferenzgäste.
Nur ein Mann schaffte es doch irgendwie, sich noch 5 Minuten vor Ende unserer Show hereinzuschummeln. Er trug ein rosa Hemd, und mit charmantem französischem Akzent bat er nach unserem Vortrag kurz um unsere Aufmerksamkeit. Wir aber waren zu aufgeregt und gleichzeitig zu erschöpft und vor allem zu hungrig, um ihm Gehör zu schenken. Wie ein Schatten war er uns auf den Fersen und irgendwann schaffte er es, uns in der Schlange zum Buffet zu erwischen.
Er drängte uns förmlich seine Visitenkarte auf. Eine schwarze, auf der das Logo der größten Computerfirma der Welt prangte. Er fragte nur: “Do you wanna go console with us?”
Ich war naturgemäß etwas skeptisch („Was soll das, was wollen die von uns? Wir passen ja gar nicht zu denen?!“ dachte ich mir) – und antwortete: “Nein danke, wir sind nur an der Konkurrenz interessiert (die war zu der Zeit die Nintendo Wii, die sich um ein Vielfaches mehr verkaufte als die besagte amerikanische Hi-Rez-Hi-Def Konsole)“. Das rosa Hemd wandte sich mit der gleichen Frage an Claudia, die mit einem etwas verklärt gelangweilten Lächeln entgegnete: „Warum nicht?“.
Lev hatte sowieso schon ja gesagt.
Dann endlich, am letzten Tag der Konferenz, gerade, als man die Tore zum Kongresszentrum schloss, – hatten wir ein Gespräch mit der größten aller Softwarefirmen im Sony-Meetingraum. Es war ein kurzes Gespräch. Wir waren extrem erschöpft. Immerhin hatten wir auf dieser Konferenz die Erfinder von Spiele-Meisterwerken wie LocoRoco, Singstar, Guitarhero, Osu! Tatakae Ouendan!, Parappa the Rapper, Lumines, Alien Hominid, Puzzle Pirates, Maple Story und Eve Online kennen zu lernen und mit ihnen exzessive Partys im berühmtberüchtigten “Beach House” bei Malmö zu feiern. Unmotiviert, weil es uns um die Zeit leid tat, die wir wohl besser damit verbracht hätten, lokale Biersorten zu testen und uns für unseren mitternächtlichen Schwimmgang im Baltischen Meer zu stärken, murmelten wir Dinge über die globale Erwärmung, Wellness Games und Mädchen.
Wie es sich anfühlt, einen Multimillionen schweren Lottoschein in Händen zu halten.
Zwei Tage später flatterte eine Stillschweigevereinbarung von Mr Big in unser elektronisches Postkästchen.
Noch einmal. Wir waren zu jener Zeit ein fünfköpfiges Team, das sich über das große Geld oder den großen Publisher nicht wirklich jemals Gedanken gemacht hatte. Wir wollten einfach, dass Papermint Bewohner findet. Wenn diese sich sogar noch wirklich an dem erfreuen sollten, was wir eigentlich eher aus Lust und Tollerei heraus erschaffen hatten, und es sogar weitersagen würden, dann war das schon der Gipfel unserer Vorstellungen.
Aber wir fanden uns überwältigt von dem Interesse, das uns plötzlich von gigantischen Unternehmen entgegen schwappte, – nur 3 Monate nachdem wir mit unserem Prototypen an die Öffentlichkeit gegangen waren. Ein Prototyp, der eigentlich aus nichts anderem bestand als aus etwas schrägen Figuren aus Papier.
Trotz der Tatsache, dass wir ein hoch motiviertes und talentiertes Team waren, hatten wir Dinge, wie unnatürlich exzessive Serverskalierung oder hochtrabende Businesspläne, ziemlich schmählich vernachlässigt. Das, was wir in allem Überfluss in Papermint steckten, war unser Herz.
Und das war es wohl, was die Großen damals schon spürten und was unser Papermint von allen anderen „IT-Lösungen“ unterschied – das Herz, der Charme und eine ganz spezielle Poetik.
Plötzlich sahen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, 3 Schritte zugleich zu machen. Anstatt uns an der natürlichen Entfaltung von Papermint zu erfreuen, mussten wir nicht nur die Anforderungen von Mr Big erfüllen, sondern auch noch Anfragen von Real Networks, Orange, Disney, Coca-Cola und MTV irgendwie unter einen Hut bringen.
Das Team, das eigentlich nur eine Welt erschaffen wollte, in der man selbst gerne mit Freunden abhängt, musste plötzlich ziemlich schnell wachsen. Wir mussten plötzlich dem Ruf gerecht werden, die wahren Experten, die Kreativen mit dem förmlich angeborenen Riecher für hochqualitative menschliche Kommunikation im Internet zu sein. Und das mit Stil.
Wir und unsere Perücken flogen nach Redmond, und in den „M“-Headquarters trafen wir „M“ Vice Presidents und General Manager und unser rosa gewandeter Fürsprecher immer an unserer Seite. Er betreute uns, wie wenn wir eine Rockband gewesen wären und man sprach über die 260 Millionen MSN-User, die nur auf so etwas wie Papermint warten würden – und da … „Wow! Schaut! Nintendo of America nur einen Block weiter!“.
Er ahnte wohl wirklich nicht, dass wir am gleichen Nachmittag auch noch ein Treffen mit Real Networks in Downtown Seattle anberaumt hatten (auch darum, um einem langweiligen Nachmittag in Seattle zu entgehen) …, sowie Gespräche mit Sony, IBM, Intel, THQ, NCsoft, Nexon, Eidos, Koch Media und UPC daheim in Europa im Laufen waren.
Wir badeten in diesem seltsam-schaurig-schönen Gefühl, das man irgendwie bekommt, wenn man meint, man spiele mit den Großen. Ich muss zugeben, – es fühlte sich eigentlich lustig an.
In der Folge musste es passieren, dass wir unsere Energie nicht mehr da hinein steckten, Papermint so weiterzuentwickeln, wie wir es eigentlich geplant und gefühlt hätten. Papermint wurde in einen Dornröschenschlaf versetzt und man bemüßigte sich lieber damit, seine Kreativität an PowerPoint-Präsentationen, Reports, Berechnungen, Geschäftsessen, dem Lesen von Wirtschaftsnachrichten und den Gang mit unseren Papermint-Cosplay-Kostümen zur Reinigung zu verschwenden – und wohl auch daran, wie wir das große Geld verprassen konnten.
Plötzlich ging es nicht mehr um Emotionen, Spaß und Ungebundenheit, sondern um unendliche Skalierung, Concurrent User, Zahlungsmethoden und unternehmerische Strategien.
Alles sah so gut aus. Jeder wollte uns.
Aber das „große M“ kämpfte für uns. Unser heißblütiger, rosa gewandeter Advokat zerschlug die Bürotische von Vorgesetzen, die zögerten für Papermint zu stimmen.
Im Sommer 2007 schickte Mr Big ein elfköpfiges Team nach Wien – womit es größer war als unsere eigene Crew. Wir waren extrem nervös, und ich persönlich hatte das Wort „Due Diligence“ zuvor noch nie gehört. Auch wenn man mir gesagt hätte, dass es „Kaufprüfung“ bedeutet, wäre ich nicht viel schlauer gewesen.
Ihre Gesandtschaft war eine illustre Gesellschaft von außergewöhnlichen Persönlichkeiten aus Übersee: Art Directors, Leads of Technology, Heads of Business Development, Executive Producers, General Manager. Und sie waren extrem verständnisvoll, hilfsbereit, enthusiastisch und clever.
In ihren Augen war Papermint das lang ersehnte Wundermittel: – Papermint an der Speerspitze der neuen Generation von hochqualitativer, familienfreundlicher, stilistisch ansprechender „big M“-Spieleunterhaltung!
Ich kann mich noch gut an jenen Abend erinnern, als wir über den Hügeln von Wien standen mit dieser Gruppe von tollen Menschen, die für Mr Big arbeiteten. Claudia und ich sogen den Duft einer verheißungsvollen Sommernacht ein und wir ließen unsere Blicke über die Stadt an der Donau schweifen, die bald zum Zentrum der Web-2.0-Innovation erhoben werden sollte.
Wir wussten, dass wir in guten Händen waren. Mit diesem ganz besonderen Ausdruck in ihren Augen sagten sie: “We don't wanna M... you to death".
Und im gleichen Atemzug sprachen wir von den zehntausend Concurrent Usern, die Papermint anziehen würde.
Alles war streng geheim. Große Unternehmen verbaten uns, mit anderen großen Unternehmen zu sprechen, und ihre Verträge legten uns Handschellen an.
Es war ein bisschen wie in einem Agenten-Thriller, und obwohl Mr Big uns auf Händen trug und uns mit honigsüßem Geschwätz und bester Speis und herrlichstem Trank auf der Tokyo Game Show im September 2007 einzulullen trachtete, fühlten wir uns irgendwie wie der passive Part.
Darum beschlossen wir, aus diesem Zustand der Abhängigkeit auszubrechen.
Wir spielten Poker mit den Großen. Wir waren das kleine, unschuldige, jungfräuliche Team, das sie alle wollten. Und sie hatten keine Ahnung, dass durch sie bereits eine Veränderung in uns vorgegangen war.
Wir ertappten uns dabei, dass wir nicht nur plötzlich an Geld dachten, – wir dachten an die Millionen, die uns beim Verkauf von Avaloop winken würden.
Und ich meldete bereits mein offizielles Ansuchen für junge japanische Praktikanten an. Doch halt! Da war doch bereits eine Tokio-Niederlassung von Avaloop geplant: – und ich sollte sie leiten!
Einflussreiche Leute von NCsoft meinten: “Papermint ist das heißeste Ding im Moment. Bald wird Nintendo an eure Türe klopfen“.
Aber sie klopften nicht.
Im Spätherbst 2007 wurde klar, dass wir das Pokerspiel verloren hatten. Nach und nach schieden die Großen aus dem Spiel. Sie mochten uns, sie mochten Papermint, – aber die Großen hatten Angst vor dem Risiko. Papermint kam vielleicht zu früh, – zumindest für die Großen. Niemand wollte der Erste sein.
Der letzte Partner, der noch immer mit uns am Tisch saß, war Mr Big. Aber sie hatten es sich extrem einfach gemacht, – nun waren wir ganz allein mit ihnen. Es war uns ja offiziell nicht erlaubt gewesen, mit anderen zu sprechen.
Wegen einer internen, zeitlich für uns sehr ungünstigen Umstrukturierung in Redmond zögerte das Mr Big plötzlich. Alles wurde mühsamer, im Geiste sahen wir die Millionen dahinschwinden. Die neuen Vorgesetzten – sie kamen direkt von EA und hatten es irgendwie fertig gebracht, The Sims Online zu einem Flop zu machen – waren der Meinung, Papermint würde zu risikobehaftet sein für ein Unternehmen wie „the big M“.
Nach all den Monaten voller schweißtreibenden Abrackerns erhielten wir einen Anruf von unserem rosa Hemd. Er sagte, es sei vorbei.
Wir hatten jedoch – furchtlos surfend auf einer trügerischen Erfolgswelle – viele Mitarbeiter eingestellt, hatten Kredite aufgenommen und hatten gewartet – auf die Unterschrift der Großen.
Wir taumelten in einer Art Schockzustand. aber auf gaben wir nicht. Unser aller letztes Geld steckten wir in einen sehr teuren Stand bei der Game Connection in Lyon, um andere potentielle Interessenten auf uns aufmerksam zu machen und unser Team zu retten. Aber alles musste extrem schnell gehen, wollten wir die Firma am Leben erhalten.
Wenige Tage später erhielt ich die Möglichkeit, Papermint drei Minuten lang bei einem Investorentreffen in London vorzustellen. Beeinträchtigt von einer unglaublichen Verkühlung schleppte ich mich auch noch nach Guildford in die Lionhead Studios für ein persönliches Gespräch mit Peter Molyneux … und dieser überraschte mich nicht schlecht, als er mir plötzlich wiederholt die Frage stellte, ob er mir nicht irgendwie helfen könne. Er entpuppte sich als Papermint-Kenner, der es unter anderem sehr schätzte, dass man in Papermint vieles nur in Gemeinschaft von anderen Personen machen kann, – z. B. springen.
Ich verbrachte den Rest dieses kalten Dezemberabends Steak essend mit dem Nordic Game Conference Direktor und dem Director of Development von NCsoft Europe, der ebenfalls ein großer Fan von Papermint war. Krank, erschöpft, hoffnungslos und darauf angewiesen, dass mir jemand mein Steak bezahlen würde, saß ich da wie ein Häufchen Elend, als plötzlich Claudia anrief und etwas beschwipst ins Telefon kicherte: “Babsi, sie haben JA gesagt!!!“
Was? Wie? Wer? Warum?
Ich wollte mir nur mehr die Seele aus dem Leib feiern, aber es schien als wäre ganz London schon zu Bett gegangen …, und ich fühlte mich soweit weg von meinem Team und dem österreichischen Bier.
In dieser Nacht war es mir natürlich wieder nicht erlaubt, meinen Freunden in London zu erzählen, wegen wessen JA ich denn so aus dem Häuschen war …, ich machte ihnen nur soviel klar, dass es sich nicht um einen Verehrer handelte.
Es war unglaublich! Es passierte genau zum richtigen Zeitpunkt! Wir wussten, dass, wenn innerhalb der nächsten Wochen mit keiner Aussicht auf Geld zu rechnen war, wir unser kleines Kino für immer schließen müssten.
Neun Monate später also, nachdem uns das rosa Hemd die Frage gestellt hatte, ob wir mit ihm und Mr Big gemeinsame „Konsolen-Sachen“ machen wollen würden, nach stundenlangen, nervenaufreibenden Verhandlungen, Meetings, Diskussionen und PowerPoint-Präsentationen – wurde Februar 2008 die so lang ersehnte Einverständniserklärung bei einer Manager-Konferenz in Las Vegas unterschrieben.
Ich tanzte mit dem rosa Hemd auf einer Bowling-Bahn in der Wüste.
2 Wochen später genossen wir es, das erste Mal hochoffiziell geladene Gäste bei der glamourösen Party von Mr Big im Rahmen der Game Developers Conference in San Francisco sein – und uns nicht wie all die Jahre zuvor illegal hineinschleichen zu müssen. Wir feierten Geburtstag mit unserem rosa Hemd und tranken stolz minzige Mojitos mit den großen Namen der Spieleindustrie.
Während der Konferenz starb meine Mutter. Es kam völlig überraschend. Acht Stunden und ein Ozean war ich von ihrem Sterben entfernt. Kein Flug der Welt hätte mich rechtzeitig von San Francisco zu ihrem Begräbnis am oberösterreichischen Land bringen können. Ich befand mich in einem seltsamen Zustand der Benebelung, der mir half, mit meinem Bauch und nicht mit meinem Kopf zu entscheiden. So oft hatte ich sie allein lassen müssen, weil ich über den Wolken in irgendeinem Flugzeug saß. Ich spürte ganz deutlich, dass sie gewollt hätte – und noch immer wollte –, dass wir endlich die Lorbeeren für unsere harte Arbeit ernten sollten. Dass sie stolz auf mich war. Und wie sehr ich das genoss und sie weiterhin mit Stolz erfüllen wollte. Ich spürte, wie sie wollte, dass ich mit meinem Team weiterkämpfe, dass ich die wichtigen Meetings in Kalifornien mit meinen Freunden bestreite, dass ich den geplanten Vortrag bei der größten Spiele-Entwickler-Konferenz der Welt halten würde.
Nach einem extrem zehrenden inneren Kampf mit mir, der Zeitverschiebung und der Entfernung, entschied ich mich also, in den USA zu bleiben und meine Pflichten für Papermint zu erfüllen. Der unglaublich einfühlsame Beistand von Claudia und Lev war mir eine lebensnotwendige Stütze, dies durchzustehen. Und es war die richtige Entscheidung –, per Mobiltelefon war ich beim Begräbnis mit meiner Stimme anwesend. Ich konnte ein paar Worte zu der Feier beitragen, sang das japanische Lied, das mir meine Mutter als Kind immer vorgesummt hatte. Ich genoss das Nachtleben in San Francisco und tanzte mit ihr. Ich feierte, ich arbeitete, ich fühlte die Kraft zweier Personen in mir. Ich fühlte die Kraft des Erfolges –, des Erfolges, den sie mir ermöglicht hatte. Ich feierte für sie.
Nach dieser unglaublich befremdlichen USA-Reise sollte unser Alltag zu Hause in Österreich nicht viel beschaulicher werden.
Ich begab mich ins Haus meiner Familie am Land und verweigerte alle Kommunikation mit der Außenwelt, – das Papermint Team ausgeschlossen. Papermint war mein Lichtblick. Von zu Hause aus half ich mit vollstem Enthusiasmus dem Freund, der Director bei NCsoft Europe war, bei seiner Entscheidung, das große Unternehmen doch endlich zu verlassen und unser kleines Team als unabhängiger strategischer Berater zu bereichern.
Claudia war immer für mich da, wenn ich ein Telefongespräch mit jemandem brauchte, der mich wirklich aufbauen konnte. Sie brachte mich immer auf den neuesten Stand, denn bei Avaloop blieb fast kein Stein auf dem anderen, so viel Neues tat sich. Und somit brachte sie mir auch einen großen Teil meiner Lebenslust zurück. Papermint war das Leben. Voller Freude auf meine Arbeit kam ich zurück nach Wien.
Ich spürte: – nichts, das uns jetzt noch stoppen könnte.
Sogar obwohl wir wussten – obwohl ja die ersten temporären Eckpunkte mit dem „großen M“ per Unterschrift geklärt waren –, dass wir unseres finanziellen Überlebens solange nicht 100%ig sicher sein konnten, bis nicht endlich der wirkliche Vertrag unterzeichnet war.
Und dieser befand sich noch immer in Arbeit.
Und wieder, obwohl wir eine neuerliche Förderung aufgestellt bekommen hatten …, das letzte Geld würde nicht mehr lange reichen.
Wir mussten einfach diesen Deal mit dem Riesen so schnell wir möglich abschließen, wollten wir nicht Mitglieder unseres Teams nach Hause schicken nur weil wir an echtem Geldmangel litten.
Und das war natürlich das Schrecklichste, das wir uns vorstellen konnten. Wir wussten, unsere Stärke sind wir selbst – unser Team. Wir waren Papermint. Das mussten und wollten wir mit aller Kraft bewahren.
Als ich das Kino zum ersten Mal nach dem Tod meiner Mutter wieder betrat, wurde ich von einer unglaublichen Welle der Wärme und des Trostes empfangen.
Kein Sturm, der dieses kleine, stolze Indie-Team hätte umblasen können.
Es kam ganz plötzlich. Wir fühlten diese unglaubliche, wohlbekannte Kraft der Freiheit und der Unabhängigkeit in uns, die wir schon verloren geglaubt hatten.
Diese Kraft, die irgendwie gelähmt gewesen war durch ein künstlich generiertes Streben nach Geld oder Ruhm oder Sicherheit, was auch immer es war – sie kam zurück!
Während der „PowerPoint-Zeiten“ konnte Papermint nicht so wachsen, wie es seine natürliche Bestimmung gewesen wäre. Papermint lief Gefahr, in eine Form gequetscht zu werden, die nicht seine ihm innewohnende war: – eine „Marketing/PR/Mehr User!/BlaBla“-Form, die uns eigentlich in unserem ursprünglichen Plan niemals wirklich offensichtlich gewesen war.
Irgendwie hatten wir es geschafft, dieser so verlockenden Deformation zum gewinnträchtigen Mainstream in unseren Köpfen zu widerstehen. Wir orientierten uns wieder daran, woran wir glaubten: – wir glaubten an unsere Unabhängigkeit.
Auch wenn da noch immer irgendwo diese Einwilligungserklärung von Mr Big herumflatterte. Im Kopf hatten wir uns befreit.
Dieses Jahr in den Kristallpalästen der Großen hatte uns geholfen, über uns selbst hinauszuwachsen, die andere Welt zu sehen. Es half uns, das zu schätzen, was uns so reich machte: Die Freiheit, das zu tun, was wir wollen.
Jetzt aber wechselten wir wieder auf die „Avaloop-Papermint-Spur“.
In der Nacht meines ersten Arbeitstages nach dem Tod meiner Mutter traf ich die Liebe meines Lebens. In Wien. Nicht in Shibuya.
Die Kraft meiner Mutter in mir, meine Liebe, die starken Bande der Freundschaft innerhalb des Papermint-Teams und der neu aufgeflammte Kampfgeist für die Freiheit und die Phantasie machten mich immun gegen die ersten deutlichen Anzeichen des Rückzugs von Mr Big. Einmal noch besuchte uns das „große M“ in Wien. Es sollte das letzte Mal gewesen sein.
Das Ende einer Geschichte. Der Beginn von Papermint!
Das Meeting war sehr nett …, von einem persönlichen Standpunkt betrachtet.
Nichtsdestotrotz. Der vorläufige Vertrag lief aus. Die politische Umstrukturierung innerhalb der „M“-Manager-Riege hatte ihre Opfer verlangt.
Aber eigentlich war es wohl so, dass auch sie es nicht wagten, die ersten zu sein.
Es war uns egal.
Wir waren wieder ganz allein auf uns gestellt. Wir hatten absolut kein Geld mehr zur Verfügung. Aber wir waren wieder frei. Und wir glaubten an Papermint.
Und das tun wir auch jetzt!
Wir hatten die Zeit des Wartens genutzt und waren nicht wieder in den Zustand der Taubheit verfallen.
Wir hatten einfach wieder angepackt und Papermint weiterentwickelt. Und zwar so, wie wir Papermint haben wollten.
Und nun ist es da!
Genau so wie wir es uns vorgestellt haben. Papermint, ganz genau so, wie es sein muss.
Eigentlich war es Papermint selbst, das uns immer wieder klarmachte, wie es gern gestaltet werden wollte.
November 2008:
Wir haben noch immer kein Geld, es muss etwas geschehen.
Wenigstens haben all die Spielchen und das Münzenzählen ein Ende.
Gerade kürzlich schlenderte ich wieder durch die unendlichen Weiten von Papermint, durch diese Welt, die wir erschaffen haben.
Ich muss zugeben, ich war den Tränen nahe angesichts dieser unendlich schönen, poetischen Landschaften, die nur darauf warten, bevölkert zu werden.
Mir wird bewußt:
Damit Papermint eine Chance hat zu überleben, muss Avaloop Opfer bringen – Opfer, die größer sind als alle bisherigen.
Wir bringen unsere letzten Ressourcen auf, um diese Pressemappe anzufertigen.
Wir haben es geschafft, Papermint soweit zu entwickeln, dass es nur mehr darauf wartet, zukünftigen Papermint-Bewohnern eine kleine Heimat zu werden. Es wartet sehnlichst darauf, entdeckt und belebt zu werden.
Alle Strategie, alles Pokern hat ein Ende. Der nächste große Schritt ins Neue ist es nun, die Tore zu öffnen und jeden mit all unserer Wärme willkommen zu heißen.
Doch aufgeben, das tun wir nicht! Und wir machen auch angesichts der finanziellen Knappheit keine kreativen Kompromisse – niemals!
Nun ist er gekommen, der Moment auf den wir jahrelang im Schweiße unseres Angesichts hin gearbeitet haben.
Jetzt wird sich entscheiden ob das sanfte Lied von Papermint im Dröhnen eines rauschend-flackernden Internets erhört wird.
Aber wir sind zuversichtlich! Wie sollte es auch anders sein, angesichts einer einzigartigen Welt wie Papermint und einer Freundschaft, die, so scheint es, allem trotzen kann.
Laßt uns doch alle zusammen feiern, wenn es abhebt!
Seien Sie Teil des Wunders!
Jetzt geht's los!!!
In den nächsten Wochen werden Claudia und Lev ihr Bestes geben, um den Usern Starthilfe zu geben, die Papermint liebenswürdig genug finden, um einzusteigen.
Ich werde nicht nach Tokio ziehen – vorerst.
Dafür nach London, mit meiner Liebe, dem Gründer eines Indie-Musik-Labels.
Und vielleicht gewähren mir manche von Ihnen ja die Chance, Sie persönlich kennen zu lernen und Ihnen unsere Geschichte von Angesicht zu Angesicht zu erzählen.
Wir besitzen keine Millionen, aber was wir besitzen, ist eine Geschichte – unsere Geschichte nämlich. Und Papermint.
Das Ende dieser Geschichte bedeutet, dass Papermint beginnen kann. Ich lade Sie alle ein, es einmal auszuprobieren. Papermint ist wirklich eine ganz besondere Welt :)
Babsi
Wenn Sie gerne die Geschichte aus der Perspektive meiner Mitstreiter hören wollen, dann fragen Sie sie doch einfach:
Lev Ledit, Chef Game Designer und der Erfinder von Papermint.
Claudia Kogler, Chef Programmiererin und das Herz von Papermint.
Papermint würde es ohne Euch nicht geben:
Lev, Claudia, Martin P, Martin S, Markus, Ho, Matthias, Tom, Wolfram, Philipp, Miriam, Brad, Geoff, Matto, Marc, Michi, Sepp, Monika, Ulrike, Marek, Maurice, Julia, Lydia, Doris, Elvyra, Birgit, Eva, Paul, Mirko, Stemes, Markus W., Papyrus, Caludai, Levienne, Seppl, Matt, Honami, Puku, Wutzel, Spoony, Sally, Origami, Babsirella, Zelda, Babette, Tomtom, Dirk, Rhysell, Ejned, Mr Rez, M-san, Sébastien, Thomas, Peter M, Masaya, Teresa, Christian, Franz, Christine.
Vielen Dank und wir sehen uns in Papermint! :)
Ich bin Barbara „Babsi“ Lippe und bin Art-Direktorin einer virtuellen Welt namens Papermint.
Eigentlich ist das ja ein Liebesbrief. Einer an uns selbst: an das unglaubliche Team, das Papermint erschaffen hat. Und an Papermint, das aus uns gemacht hat, was wir sind. Freunde. Freunde, die zusammen halten, komme, was wolle.
Dies ist eine Geschichte, die sich schreibt, wenn man selbst der Autor ist, – der Ghostwriter jedoch das echte Leben. Und darum, weil sie wahr ist, ist diese Geschichte auch kitschig.
Es ist eine Geschichte darüber, wie es ist, einen Multimillionen schweren Lottoschein in Händen zu halten. Und ihn nicht einzulösen für die Freundschaft, Unabhängigkeit und den Glauben an das, was wir erschaffen haben. Es ist eine Geschichte über Verlust und Hoffnung. Besonders über Hoffnung, denn die Hoffnung stirbt zuletzt.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf – und in Hütteldorf.
Was mache ich hier eigentlich noch?
Eigentlich sollte ich schon top gestylt in Shibuya herumschwirren, und als TV-Musik-Show Produzentin attraktive, japanische Celebrities zu beehren. Schon damals, vor acht Jahren, als ich in Tokio als Designerin tätig war, habe ich mir eine absolut unumstößliche Japanophilie herangezüchtet, – o, Tokyo – mon amour!
Und ja! Endlich! Ich hatte die Arbeitspapiere für meinen glamourösen neuen Job in dem Land, von dem ich mir die Erfüllung wirklich aller Wünsche erhoffte, bereits in Händen…
Aber…
stattdessen sitze ich nun hier. An einem Bürotisch, vor einem Computer, irgendwo in den äußersten „Nirgendwos“ von Wien – einer Stadt, die weder als Zentrum schillernder Popkultur, noch fruchtbarer IT-Inkubationsräume bekannt ist.
Ich sitze hier in diesem alten Kino …, gastronomisch versorgt nur von einem Supermarkt, der Kantine einer geriatrischen Anstalt und einer Sargfabrik.
Mein Rückgrat setzt auf den bionischen Trend und schwört auf die Tastatur-effiziente Verkrümmung „à la banane“, meine sonst sehr stummen Augen schreien nach Brillenverglasung und die Maushand spricht zu mir in eloquentem Krampfmonolog … und die Sehnen scheiden sich …
Aber wissen Sie was? Ich bereue nichts.
Denn, was ich hier fand, an diesem abgeschiedenen Ort, ist ein Schatz voller aufregender, unvergleichlicher Momente, – vielleicht den aufregendsten meines bisherigen Lebens.
Hütteldorf kann es mit Shibuya aufnehmen an Nervenkitzel und an emotionalen Höhenflügen.
Es kann, wenn man an seine Freunde glaubt, an sich selbst, und wenn man 3 Jahre seines Lebens für etwas widmet, das man einfach machen muss, weil man es will. Dass in uns die Fähigkeit steckt, etwas so Großartiges und Einzigartiges wie Papermint zu erschaffen, – tja, da waren wir wohl selber überrascht.
Der Trick ist wahrscheinlich, dass es einem egal ist, ob etwas erfolgreich wird.
Und sich nur um die zwei Dinge kümmert, die in einem schreien: die Phantasie und die Lust.
Wir haben eine virtuelle Welt gebaut.
Wir sind Avaloop, die Schöpfer von Papermint …, und wenn man ganz genau hinschaut, kann man wohl unsere stolzgeschwelgte Brust sehen.
Bald jedoch wird es unser Team in dieser Form nicht mehr geben. Damit es Papermint geben kann.
Papermint steckt gerade im Geburtskanal. Alles wird verdammt knapp.
Hebammen und Ärzte gibt es keine. Da müssen wir alleine durch.
Papermint ist eine Online-Welt, in die man völlig kostenlos einsteigen kann. Man kann in einer dreidimensionalen Umgebung navigieren, aber in Papermint ist alles aus Papier gebaut. Darum ist es auch egal, welche Körbchengröße man hat, denn in Papermint ist jeder flach. Neben der Entscheidung, sich gegen jeden Trend von Hyperrealismus zu richten und es statt dessen doch lieber mit bewusster Stilisierung zu versuchen, bietet Papermint ziemlich einzigartige Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten, sich selbst auszudrücken und gemeinsam mit anderen zu wachsen.
Aber wenn es sich das Schicksal in allerletzter Sekunde nicht doch noch anders überlegt hätte, dann wüsste man das natürlich alles.
Denn dann würden schreiend blinkende Banner, Ads, Clips, Pop-Ups, Apps, Widgets und Klingeltöne der ganzen Welt diktieren: Spielt Papermint!
Wie Papermint gezeugt worden ist.
Zuerst war Lev.
Wir kennen uns seit 12 Jahren.
Früher hat er Kinofilme gemacht. Und er war fasziniert von MUDs und MOOs und MMOs. Man darf nicht verschweigen, dass er auf Partys aus dem Stehgreif Spiele erfand und die Partygäste nicht nur dazu brachte mitzuspielen, sondern sogar dazu, sich ehrlich zu amüsieren.
Und dann kam Claudia.
Sie wurde mir auf Fotos, auf denen sie ziemlich ernsthaft aussah, von Lev als „die Lösung“ für seinen neuen Plan (ein Spiel für Nichtspieler) vorgestellt.
Wir waren gerade in einem Mietwagen durch Kalifornien und Nevada unterwegs, um in Casino-Bars und in Parkgaragen zu tanzen – so zum Spaß –, als er mir von diesem Plan erzählte, der schon lange in ihm steckte, aber nun immer konkretere Formen annahm, – eine dieser „Formen“ war Claudia. Sie war diejenige, die alles programmieren sollte.
Ich dachte mir damals nicht, dass Claudia zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben werden sollte …, ein Mensch mit einem unvergleichlichen Sinn für Humor, einer unendlichen Wärme und einem unschlagbarem Durchhaltevermögen.
Was ich mir damals auch nicht dachte, war, wie dringend wir diese Eigenschaften während der Produktion von Papermint benötigen würden.
Lev fragte mich, ob ich ein paar Graphiken für den Prototypen beisteuern wollen würde. Wir waren Freunde, natürlich sagte ich ja.
Eigentlich wussten wir nicht wirklich genau wie, aber wir gründeten eine Firma. Wir konnten das tun, weil unsere Truppe aus Träumern einen Martin fand. Martin war ein Mann, der fest mit beiden Beinen am Boden der Realität stand, – und deshalb glaubte dieser Mann an Papermint.
Die Firma bekam den Namen Avaloop und das Team wurde in ein altes (Lichtspiel-)Theater von 1907 gesetzt, das Lev eigenhändig renoviert hatte.
Jeder der zu unserem Team stieß, war – oder wurde – ein Freund. Wir waren ein unvergleichlicher Haufen – mit einem unvergleichlichen Willen. Und von jedem aus unserem Team steckt ein Stückchen in Papermint.
Lev hatte einen Plan. Papermint sollte etwas werden, das in dieser Form noch niemand je versucht hatte. Es mag nach einem verrückten Plan klingen, aber wenn Lev von der „charismatischen Visualisierung einer Seele“ oder einer „Welt, die einfach von seinen Bewohnern recycelt werden kann, um wieder verwendet zu werden“, dem „mächtigen goldenen Bikini“ oder von „Spielern, die einfach Sex haben sollen, damit es gefälligst mehr Spieler werden“ sprach, dann klang das alles auch irgendwie brillant.
Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mein Bestes zu geben, um Levs Visionen Farbe und Form zu verleihen.
Aber was wir niemals erwartet hätten – ein völlig unabhängiges Team, das 3 Köpfe in seiner kleinsten und 17 in seiner größten Ausdehnung zählte, ein Team, das noch nie zuvor eine virtuelle Welt gebaut hatte und sich in einem Web-2.0-Nirgendwo verbarg, – nie hätten wir ernsthaft erwartet, dass wir etwas so Unglaubliches entwickeln würden, dass es irgendwie auf den weltumspannenden Radarschirmen der ganz Großen erscheinen würde.
Auf einmal waren wir überall. Wir wurden eingeladen, Papermint auf kleinen Game-Festivals, großen Spiele-Events, LAN-Partys, akademischen Kongressen, Modeschauen, Vernissagen, Presse-Konferenzen vorzustellen … und in den kühlen Besprechungsräumen riesiger Firmen in gläsernen Wolkenkratzern irgendwo auf der anderen Seite des Ozeans.
Drei Monate, nachdem wir den Prototypen von Papermint in einer einmonatigen Ausstellung zu virtuellen Welten im Museumsquartier inmitten der kunstbeflissenen Wiener Innenstadt präsentiert hatten und einige staatliche Förderungen abgesahnt hatten, stellten wir Papermint bei Europas größter Konferenz für Spielentwickler, der Nordic Game in Schweden vor. Das war im Mai 2007. Wir kamen nicht wirklich vorbereitet. Wir genossen das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und mit unseren Perücken Aufsehen zu erregen.
Unser Vortrag trug den Titel „The Future of the Social Networking Game“. Unsere Präsentation war am frühen Morgen anberaumt und der Saal war gerammelt voll. Die Aufpasser versperrten den Zugang für weitere Konferenzgäste.
Nur ein Mann schaffte es doch irgendwie, sich noch 5 Minuten vor Ende unserer Show hereinzuschummeln. Er trug ein rosa Hemd, und mit charmantem französischem Akzent bat er nach unserem Vortrag kurz um unsere Aufmerksamkeit. Wir aber waren zu aufgeregt und gleichzeitig zu erschöpft und vor allem zu hungrig, um ihm Gehör zu schenken. Wie ein Schatten war er uns auf den Fersen und irgendwann schaffte er es, uns in der Schlange zum Buffet zu erwischen.
Er drängte uns förmlich seine Visitenkarte auf. Eine schwarze, auf der das Logo der größten Computerfirma der Welt prangte. Er fragte nur: “Do you wanna go console with us?”
Ich war naturgemäß etwas skeptisch („Was soll das, was wollen die von uns? Wir passen ja gar nicht zu denen?!“ dachte ich mir) – und antwortete: “Nein danke, wir sind nur an der Konkurrenz interessiert (die war zu der Zeit die Nintendo Wii, die sich um ein Vielfaches mehr verkaufte als die besagte amerikanische Hi-Rez-Hi-Def Konsole)“. Das rosa Hemd wandte sich mit der gleichen Frage an Claudia, die mit einem etwas verklärt gelangweilten Lächeln entgegnete: „Warum nicht?“.
Lev hatte sowieso schon ja gesagt.
Dann endlich, am letzten Tag der Konferenz, gerade, als man die Tore zum Kongresszentrum schloss, – hatten wir ein Gespräch mit der größten aller Softwarefirmen im Sony-Meetingraum. Es war ein kurzes Gespräch. Wir waren extrem erschöpft. Immerhin hatten wir auf dieser Konferenz die Erfinder von Spiele-Meisterwerken wie LocoRoco, Singstar, Guitarhero, Osu! Tatakae Ouendan!, Parappa the Rapper, Lumines, Alien Hominid, Puzzle Pirates, Maple Story und Eve Online kennen zu lernen und mit ihnen exzessive Partys im berühmtberüchtigten “Beach House” bei Malmö zu feiern. Unmotiviert, weil es uns um die Zeit leid tat, die wir wohl besser damit verbracht hätten, lokale Biersorten zu testen und uns für unseren mitternächtlichen Schwimmgang im Baltischen Meer zu stärken, murmelten wir Dinge über die globale Erwärmung, Wellness Games und Mädchen.
Wie es sich anfühlt, einen Multimillionen schweren Lottoschein in Händen zu halten.
Zwei Tage später flatterte eine Stillschweigevereinbarung von Mr Big in unser elektronisches Postkästchen.
Noch einmal. Wir waren zu jener Zeit ein fünfköpfiges Team, das sich über das große Geld oder den großen Publisher nicht wirklich jemals Gedanken gemacht hatte. Wir wollten einfach, dass Papermint Bewohner findet. Wenn diese sich sogar noch wirklich an dem erfreuen sollten, was wir eigentlich eher aus Lust und Tollerei heraus erschaffen hatten, und es sogar weitersagen würden, dann war das schon der Gipfel unserer Vorstellungen.
Aber wir fanden uns überwältigt von dem Interesse, das uns plötzlich von gigantischen Unternehmen entgegen schwappte, – nur 3 Monate nachdem wir mit unserem Prototypen an die Öffentlichkeit gegangen waren. Ein Prototyp, der eigentlich aus nichts anderem bestand als aus etwas schrägen Figuren aus Papier.
Trotz der Tatsache, dass wir ein hoch motiviertes und talentiertes Team waren, hatten wir Dinge, wie unnatürlich exzessive Serverskalierung oder hochtrabende Businesspläne, ziemlich schmählich vernachlässigt. Das, was wir in allem Überfluss in Papermint steckten, war unser Herz.
Und das war es wohl, was die Großen damals schon spürten und was unser Papermint von allen anderen „IT-Lösungen“ unterschied – das Herz, der Charme und eine ganz spezielle Poetik.
Plötzlich sahen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, 3 Schritte zugleich zu machen. Anstatt uns an der natürlichen Entfaltung von Papermint zu erfreuen, mussten wir nicht nur die Anforderungen von Mr Big erfüllen, sondern auch noch Anfragen von Real Networks, Orange, Disney, Coca-Cola und MTV irgendwie unter einen Hut bringen.
Das Team, das eigentlich nur eine Welt erschaffen wollte, in der man selbst gerne mit Freunden abhängt, musste plötzlich ziemlich schnell wachsen. Wir mussten plötzlich dem Ruf gerecht werden, die wahren Experten, die Kreativen mit dem förmlich angeborenen Riecher für hochqualitative menschliche Kommunikation im Internet zu sein. Und das mit Stil.
Wir und unsere Perücken flogen nach Redmond, und in den „M“-Headquarters trafen wir „M“ Vice Presidents und General Manager und unser rosa gewandeter Fürsprecher immer an unserer Seite. Er betreute uns, wie wenn wir eine Rockband gewesen wären und man sprach über die 260 Millionen MSN-User, die nur auf so etwas wie Papermint warten würden – und da … „Wow! Schaut! Nintendo of America nur einen Block weiter!“.
Er ahnte wohl wirklich nicht, dass wir am gleichen Nachmittag auch noch ein Treffen mit Real Networks in Downtown Seattle anberaumt hatten (auch darum, um einem langweiligen Nachmittag in Seattle zu entgehen) …, sowie Gespräche mit Sony, IBM, Intel, THQ, NCsoft, Nexon, Eidos, Koch Media und UPC daheim in Europa im Laufen waren.
Wir badeten in diesem seltsam-schaurig-schönen Gefühl, das man irgendwie bekommt, wenn man meint, man spiele mit den Großen. Ich muss zugeben, – es fühlte sich eigentlich lustig an.
In der Folge musste es passieren, dass wir unsere Energie nicht mehr da hinein steckten, Papermint so weiterzuentwickeln, wie wir es eigentlich geplant und gefühlt hätten. Papermint wurde in einen Dornröschenschlaf versetzt und man bemüßigte sich lieber damit, seine Kreativität an PowerPoint-Präsentationen, Reports, Berechnungen, Geschäftsessen, dem Lesen von Wirtschaftsnachrichten und den Gang mit unseren Papermint-Cosplay-Kostümen zur Reinigung zu verschwenden – und wohl auch daran, wie wir das große Geld verprassen konnten.
Plötzlich ging es nicht mehr um Emotionen, Spaß und Ungebundenheit, sondern um unendliche Skalierung, Concurrent User, Zahlungsmethoden und unternehmerische Strategien.
Alles sah so gut aus. Jeder wollte uns.
Aber das „große M“ kämpfte für uns. Unser heißblütiger, rosa gewandeter Advokat zerschlug die Bürotische von Vorgesetzen, die zögerten für Papermint zu stimmen.
Im Sommer 2007 schickte Mr Big ein elfköpfiges Team nach Wien – womit es größer war als unsere eigene Crew. Wir waren extrem nervös, und ich persönlich hatte das Wort „Due Diligence“ zuvor noch nie gehört. Auch wenn man mir gesagt hätte, dass es „Kaufprüfung“ bedeutet, wäre ich nicht viel schlauer gewesen.
Ihre Gesandtschaft war eine illustre Gesellschaft von außergewöhnlichen Persönlichkeiten aus Übersee: Art Directors, Leads of Technology, Heads of Business Development, Executive Producers, General Manager. Und sie waren extrem verständnisvoll, hilfsbereit, enthusiastisch und clever.
In ihren Augen war Papermint das lang ersehnte Wundermittel: – Papermint an der Speerspitze der neuen Generation von hochqualitativer, familienfreundlicher, stilistisch ansprechender „big M“-Spieleunterhaltung!
Ich kann mich noch gut an jenen Abend erinnern, als wir über den Hügeln von Wien standen mit dieser Gruppe von tollen Menschen, die für Mr Big arbeiteten. Claudia und ich sogen den Duft einer verheißungsvollen Sommernacht ein und wir ließen unsere Blicke über die Stadt an der Donau schweifen, die bald zum Zentrum der Web-2.0-Innovation erhoben werden sollte.
Wir wussten, dass wir in guten Händen waren. Mit diesem ganz besonderen Ausdruck in ihren Augen sagten sie: “We don't wanna M... you to death".
Und im gleichen Atemzug sprachen wir von den zehntausend Concurrent Usern, die Papermint anziehen würde.
Alles war streng geheim. Große Unternehmen verbaten uns, mit anderen großen Unternehmen zu sprechen, und ihre Verträge legten uns Handschellen an.
Es war ein bisschen wie in einem Agenten-Thriller, und obwohl Mr Big uns auf Händen trug und uns mit honigsüßem Geschwätz und bester Speis und herrlichstem Trank auf der Tokyo Game Show im September 2007 einzulullen trachtete, fühlten wir uns irgendwie wie der passive Part.
Darum beschlossen wir, aus diesem Zustand der Abhängigkeit auszubrechen.
Wir spielten Poker mit den Großen. Wir waren das kleine, unschuldige, jungfräuliche Team, das sie alle wollten. Und sie hatten keine Ahnung, dass durch sie bereits eine Veränderung in uns vorgegangen war.
Wir ertappten uns dabei, dass wir nicht nur plötzlich an Geld dachten, – wir dachten an die Millionen, die uns beim Verkauf von Avaloop winken würden.
Und ich meldete bereits mein offizielles Ansuchen für junge japanische Praktikanten an. Doch halt! Da war doch bereits eine Tokio-Niederlassung von Avaloop geplant: – und ich sollte sie leiten!
Einflussreiche Leute von NCsoft meinten: “Papermint ist das heißeste Ding im Moment. Bald wird Nintendo an eure Türe klopfen“.
Aber sie klopften nicht.
Im Spätherbst 2007 wurde klar, dass wir das Pokerspiel verloren hatten. Nach und nach schieden die Großen aus dem Spiel. Sie mochten uns, sie mochten Papermint, – aber die Großen hatten Angst vor dem Risiko. Papermint kam vielleicht zu früh, – zumindest für die Großen. Niemand wollte der Erste sein.
Der letzte Partner, der noch immer mit uns am Tisch saß, war Mr Big. Aber sie hatten es sich extrem einfach gemacht, – nun waren wir ganz allein mit ihnen. Es war uns ja offiziell nicht erlaubt gewesen, mit anderen zu sprechen.
Wegen einer internen, zeitlich für uns sehr ungünstigen Umstrukturierung in Redmond zögerte das Mr Big plötzlich. Alles wurde mühsamer, im Geiste sahen wir die Millionen dahinschwinden. Die neuen Vorgesetzten – sie kamen direkt von EA und hatten es irgendwie fertig gebracht, The Sims Online zu einem Flop zu machen – waren der Meinung, Papermint würde zu risikobehaftet sein für ein Unternehmen wie „the big M“.
Nach all den Monaten voller schweißtreibenden Abrackerns erhielten wir einen Anruf von unserem rosa Hemd. Er sagte, es sei vorbei.
Wir hatten jedoch – furchtlos surfend auf einer trügerischen Erfolgswelle – viele Mitarbeiter eingestellt, hatten Kredite aufgenommen und hatten gewartet – auf die Unterschrift der Großen.
Wir taumelten in einer Art Schockzustand. aber auf gaben wir nicht. Unser aller letztes Geld steckten wir in einen sehr teuren Stand bei der Game Connection in Lyon, um andere potentielle Interessenten auf uns aufmerksam zu machen und unser Team zu retten. Aber alles musste extrem schnell gehen, wollten wir die Firma am Leben erhalten.
Wenige Tage später erhielt ich die Möglichkeit, Papermint drei Minuten lang bei einem Investorentreffen in London vorzustellen. Beeinträchtigt von einer unglaublichen Verkühlung schleppte ich mich auch noch nach Guildford in die Lionhead Studios für ein persönliches Gespräch mit Peter Molyneux … und dieser überraschte mich nicht schlecht, als er mir plötzlich wiederholt die Frage stellte, ob er mir nicht irgendwie helfen könne. Er entpuppte sich als Papermint-Kenner, der es unter anderem sehr schätzte, dass man in Papermint vieles nur in Gemeinschaft von anderen Personen machen kann, – z. B. springen.
Ich verbrachte den Rest dieses kalten Dezemberabends Steak essend mit dem Nordic Game Conference Direktor und dem Director of Development von NCsoft Europe, der ebenfalls ein großer Fan von Papermint war. Krank, erschöpft, hoffnungslos und darauf angewiesen, dass mir jemand mein Steak bezahlen würde, saß ich da wie ein Häufchen Elend, als plötzlich Claudia anrief und etwas beschwipst ins Telefon kicherte: “Babsi, sie haben JA gesagt!!!“
Was? Wie? Wer? Warum?
Ich wollte mir nur mehr die Seele aus dem Leib feiern, aber es schien als wäre ganz London schon zu Bett gegangen …, und ich fühlte mich soweit weg von meinem Team und dem österreichischen Bier.
In dieser Nacht war es mir natürlich wieder nicht erlaubt, meinen Freunden in London zu erzählen, wegen wessen JA ich denn so aus dem Häuschen war …, ich machte ihnen nur soviel klar, dass es sich nicht um einen Verehrer handelte.
Es war unglaublich! Es passierte genau zum richtigen Zeitpunkt! Wir wussten, dass, wenn innerhalb der nächsten Wochen mit keiner Aussicht auf Geld zu rechnen war, wir unser kleines Kino für immer schließen müssten.
Neun Monate später also, nachdem uns das rosa Hemd die Frage gestellt hatte, ob wir mit ihm und Mr Big gemeinsame „Konsolen-Sachen“ machen wollen würden, nach stundenlangen, nervenaufreibenden Verhandlungen, Meetings, Diskussionen und PowerPoint-Präsentationen – wurde Februar 2008 die so lang ersehnte Einverständniserklärung bei einer Manager-Konferenz in Las Vegas unterschrieben.
Ich tanzte mit dem rosa Hemd auf einer Bowling-Bahn in der Wüste.
2 Wochen später genossen wir es, das erste Mal hochoffiziell geladene Gäste bei der glamourösen Party von Mr Big im Rahmen der Game Developers Conference in San Francisco sein – und uns nicht wie all die Jahre zuvor illegal hineinschleichen zu müssen. Wir feierten Geburtstag mit unserem rosa Hemd und tranken stolz minzige Mojitos mit den großen Namen der Spieleindustrie.
Während der Konferenz starb meine Mutter. Es kam völlig überraschend. Acht Stunden und ein Ozean war ich von ihrem Sterben entfernt. Kein Flug der Welt hätte mich rechtzeitig von San Francisco zu ihrem Begräbnis am oberösterreichischen Land bringen können. Ich befand mich in einem seltsamen Zustand der Benebelung, der mir half, mit meinem Bauch und nicht mit meinem Kopf zu entscheiden. So oft hatte ich sie allein lassen müssen, weil ich über den Wolken in irgendeinem Flugzeug saß. Ich spürte ganz deutlich, dass sie gewollt hätte – und noch immer wollte –, dass wir endlich die Lorbeeren für unsere harte Arbeit ernten sollten. Dass sie stolz auf mich war. Und wie sehr ich das genoss und sie weiterhin mit Stolz erfüllen wollte. Ich spürte, wie sie wollte, dass ich mit meinem Team weiterkämpfe, dass ich die wichtigen Meetings in Kalifornien mit meinen Freunden bestreite, dass ich den geplanten Vortrag bei der größten Spiele-Entwickler-Konferenz der Welt halten würde.
Nach einem extrem zehrenden inneren Kampf mit mir, der Zeitverschiebung und der Entfernung, entschied ich mich also, in den USA zu bleiben und meine Pflichten für Papermint zu erfüllen. Der unglaublich einfühlsame Beistand von Claudia und Lev war mir eine lebensnotwendige Stütze, dies durchzustehen. Und es war die richtige Entscheidung –, per Mobiltelefon war ich beim Begräbnis mit meiner Stimme anwesend. Ich konnte ein paar Worte zu der Feier beitragen, sang das japanische Lied, das mir meine Mutter als Kind immer vorgesummt hatte. Ich genoss das Nachtleben in San Francisco und tanzte mit ihr. Ich feierte, ich arbeitete, ich fühlte die Kraft zweier Personen in mir. Ich fühlte die Kraft des Erfolges –, des Erfolges, den sie mir ermöglicht hatte. Ich feierte für sie.
Nach dieser unglaublich befremdlichen USA-Reise sollte unser Alltag zu Hause in Österreich nicht viel beschaulicher werden.
Ich begab mich ins Haus meiner Familie am Land und verweigerte alle Kommunikation mit der Außenwelt, – das Papermint Team ausgeschlossen. Papermint war mein Lichtblick. Von zu Hause aus half ich mit vollstem Enthusiasmus dem Freund, der Director bei NCsoft Europe war, bei seiner Entscheidung, das große Unternehmen doch endlich zu verlassen und unser kleines Team als unabhängiger strategischer Berater zu bereichern.
Claudia war immer für mich da, wenn ich ein Telefongespräch mit jemandem brauchte, der mich wirklich aufbauen konnte. Sie brachte mich immer auf den neuesten Stand, denn bei Avaloop blieb fast kein Stein auf dem anderen, so viel Neues tat sich. Und somit brachte sie mir auch einen großen Teil meiner Lebenslust zurück. Papermint war das Leben. Voller Freude auf meine Arbeit kam ich zurück nach Wien.
Ich spürte: – nichts, das uns jetzt noch stoppen könnte.
Sogar obwohl wir wussten – obwohl ja die ersten temporären Eckpunkte mit dem „großen M“ per Unterschrift geklärt waren –, dass wir unseres finanziellen Überlebens solange nicht 100%ig sicher sein konnten, bis nicht endlich der wirkliche Vertrag unterzeichnet war.
Und dieser befand sich noch immer in Arbeit.
Und wieder, obwohl wir eine neuerliche Förderung aufgestellt bekommen hatten …, das letzte Geld würde nicht mehr lange reichen.
Wir mussten einfach diesen Deal mit dem Riesen so schnell wir möglich abschließen, wollten wir nicht Mitglieder unseres Teams nach Hause schicken nur weil wir an echtem Geldmangel litten.
Und das war natürlich das Schrecklichste, das wir uns vorstellen konnten. Wir wussten, unsere Stärke sind wir selbst – unser Team. Wir waren Papermint. Das mussten und wollten wir mit aller Kraft bewahren.
Als ich das Kino zum ersten Mal nach dem Tod meiner Mutter wieder betrat, wurde ich von einer unglaublichen Welle der Wärme und des Trostes empfangen.
Kein Sturm, der dieses kleine, stolze Indie-Team hätte umblasen können.
Es kam ganz plötzlich. Wir fühlten diese unglaubliche, wohlbekannte Kraft der Freiheit und der Unabhängigkeit in uns, die wir schon verloren geglaubt hatten.
Diese Kraft, die irgendwie gelähmt gewesen war durch ein künstlich generiertes Streben nach Geld oder Ruhm oder Sicherheit, was auch immer es war – sie kam zurück!
Während der „PowerPoint-Zeiten“ konnte Papermint nicht so wachsen, wie es seine natürliche Bestimmung gewesen wäre. Papermint lief Gefahr, in eine Form gequetscht zu werden, die nicht seine ihm innewohnende war: – eine „Marketing/PR/Mehr User!/BlaBla“-Form, die uns eigentlich in unserem ursprünglichen Plan niemals wirklich offensichtlich gewesen war.
Irgendwie hatten wir es geschafft, dieser so verlockenden Deformation zum gewinnträchtigen Mainstream in unseren Köpfen zu widerstehen. Wir orientierten uns wieder daran, woran wir glaubten: – wir glaubten an unsere Unabhängigkeit.
Auch wenn da noch immer irgendwo diese Einwilligungserklärung von Mr Big herumflatterte. Im Kopf hatten wir uns befreit.
Dieses Jahr in den Kristallpalästen der Großen hatte uns geholfen, über uns selbst hinauszuwachsen, die andere Welt zu sehen. Es half uns, das zu schätzen, was uns so reich machte: Die Freiheit, das zu tun, was wir wollen.
Jetzt aber wechselten wir wieder auf die „Avaloop-Papermint-Spur“.
In der Nacht meines ersten Arbeitstages nach dem Tod meiner Mutter traf ich die Liebe meines Lebens. In Wien. Nicht in Shibuya.
Die Kraft meiner Mutter in mir, meine Liebe, die starken Bande der Freundschaft innerhalb des Papermint-Teams und der neu aufgeflammte Kampfgeist für die Freiheit und die Phantasie machten mich immun gegen die ersten deutlichen Anzeichen des Rückzugs von Mr Big. Einmal noch besuchte uns das „große M“ in Wien. Es sollte das letzte Mal gewesen sein.
Das Ende einer Geschichte. Der Beginn von Papermint!
Das Meeting war sehr nett …, von einem persönlichen Standpunkt betrachtet.
Nichtsdestotrotz. Der vorläufige Vertrag lief aus. Die politische Umstrukturierung innerhalb der „M“-Manager-Riege hatte ihre Opfer verlangt.
Aber eigentlich war es wohl so, dass auch sie es nicht wagten, die ersten zu sein.
Es war uns egal.
Wir waren wieder ganz allein auf uns gestellt. Wir hatten absolut kein Geld mehr zur Verfügung. Aber wir waren wieder frei. Und wir glaubten an Papermint.
Und das tun wir auch jetzt!
Wir hatten die Zeit des Wartens genutzt und waren nicht wieder in den Zustand der Taubheit verfallen.
Wir hatten einfach wieder angepackt und Papermint weiterentwickelt. Und zwar so, wie wir Papermint haben wollten.
Und nun ist es da!
Genau so wie wir es uns vorgestellt haben. Papermint, ganz genau so, wie es sein muss.
Eigentlich war es Papermint selbst, das uns immer wieder klarmachte, wie es gern gestaltet werden wollte.
November 2008:
Wir haben noch immer kein Geld, es muss etwas geschehen.
Wenigstens haben all die Spielchen und das Münzenzählen ein Ende.
Gerade kürzlich schlenderte ich wieder durch die unendlichen Weiten von Papermint, durch diese Welt, die wir erschaffen haben.
Ich muss zugeben, ich war den Tränen nahe angesichts dieser unendlich schönen, poetischen Landschaften, die nur darauf warten, bevölkert zu werden.
Mir wird bewußt:
Damit Papermint eine Chance hat zu überleben, muss Avaloop Opfer bringen – Opfer, die größer sind als alle bisherigen.
Wir bringen unsere letzten Ressourcen auf, um diese Pressemappe anzufertigen.
Wir haben es geschafft, Papermint soweit zu entwickeln, dass es nur mehr darauf wartet, zukünftigen Papermint-Bewohnern eine kleine Heimat zu werden. Es wartet sehnlichst darauf, entdeckt und belebt zu werden.
Alle Strategie, alles Pokern hat ein Ende. Der nächste große Schritt ins Neue ist es nun, die Tore zu öffnen und jeden mit all unserer Wärme willkommen zu heißen.
Doch aufgeben, das tun wir nicht! Und wir machen auch angesichts der finanziellen Knappheit keine kreativen Kompromisse – niemals!
Nun ist er gekommen, der Moment auf den wir jahrelang im Schweiße unseres Angesichts hin gearbeitet haben.
Jetzt wird sich entscheiden ob das sanfte Lied von Papermint im Dröhnen eines rauschend-flackernden Internets erhört wird.
Aber wir sind zuversichtlich! Wie sollte es auch anders sein, angesichts einer einzigartigen Welt wie Papermint und einer Freundschaft, die, so scheint es, allem trotzen kann.
Laßt uns doch alle zusammen feiern, wenn es abhebt!
Seien Sie Teil des Wunders!
Jetzt geht's los!!!
In den nächsten Wochen werden Claudia und Lev ihr Bestes geben, um den Usern Starthilfe zu geben, die Papermint liebenswürdig genug finden, um einzusteigen.
Ich werde nicht nach Tokio ziehen – vorerst.
Dafür nach London, mit meiner Liebe, dem Gründer eines Indie-Musik-Labels.
Und vielleicht gewähren mir manche von Ihnen ja die Chance, Sie persönlich kennen zu lernen und Ihnen unsere Geschichte von Angesicht zu Angesicht zu erzählen.
Wir besitzen keine Millionen, aber was wir besitzen, ist eine Geschichte – unsere Geschichte nämlich. Und Papermint.
Das Ende dieser Geschichte bedeutet, dass Papermint beginnen kann. Ich lade Sie alle ein, es einmal auszuprobieren. Papermint ist wirklich eine ganz besondere Welt :)
Babsi
Wenn Sie gerne die Geschichte aus der Perspektive meiner Mitstreiter hören wollen, dann fragen Sie sie doch einfach:
Lev Ledit, Chef Game Designer und der Erfinder von Papermint.
Claudia Kogler, Chef Programmiererin und das Herz von Papermint.
Papermint würde es ohne Euch nicht geben:
Lev, Claudia, Martin P, Martin S, Markus, Ho, Matthias, Tom, Wolfram, Philipp, Miriam, Brad, Geoff, Matto, Marc, Michi, Sepp, Monika, Ulrike, Marek, Maurice, Julia, Lydia, Doris, Elvyra, Birgit, Eva, Paul, Mirko, Stemes, Markus W., Papyrus, Caludai, Levienne, Seppl, Matt, Honami, Puku, Wutzel, Spoony, Sally, Origami, Babsirella, Zelda, Babette, Tomtom, Dirk, Rhysell, Ejned, Mr Rez, M-san, Sébastien, Thomas, Peter M, Masaya, Teresa, Christian, Franz, Christine.
Vielen Dank und wir sehen uns in Papermint! :)

